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Schlangestehen: Es geht um die Wurst
Von Axel Lier
Es gibt Tage, da gucken die Nachbarn von Familie Meier nur schnell mal aus der Tür. Stehen Leute vor dem Laden? Wenn nicht, muss alles ganz schnell gehen: rein in die
Puschen, Beutel und Portmonee liegen bereit, und ab geht's im Sprint zur Fleischerei. Wer die Gelegenheit nicht nutzt, muss eine Menge Zeit mitbringen, wenn er Sauerfleisch,
Sülze oder Mettwurst essen möchte...
Klaus Meier (38) schmunzelt: "Wer zu uns kommt, muss immer ein bisschen Zeit mitbringen", sagt der Fleischermeister und
führt den Besucher durch seinen Laden.
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Haxe am offenen Grill -
Feier zum Jubiläum 200 Jahre “Zum weißen Roß”
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"Als wir 1989 geöffnet wurde, war der Verkaufsraum gerade mal einen Meter fünfzig breit und vier Meter lang."
Heute steht man in einem klimatisierten Geschäft von der Größe einer Luxus-Garage. Vom Eröffnungstag am 10. Oktober 1989 bis heute sei der Laden jedes Jahr ein
Stückchen gewachsen. Erst musste die Garage dran glauben, dann ein Teil vom Wohnzimmer.
Heute steht eine sechs Meter lange Theke im Verkaufsraum,
prall gefüllt mit Kochwurst, Dosenfleisch und Fleischsalaten.
Auch im Hof wurden die Gebäude immer größer und breiter.
Neue Kühlzellen stehen da, es ist nur noch wenig Platz für die Wäscheleine von Mutti. "Was soll man machen? Man muss ja
expandieren, wenn's gut läuft", sagt Klaus, zuckt mit den Schultern und presst frische Mettwurst in den Dünndarm vom Schaf...
Bei den Meiers drehte sich schon immer alles um Schweine und Kühe. Damals, in den 50er Jahren, gehörte Klaus'
Vater zu den vier Hausschlachtern im Dorf. Eigentlich ist er gelernter Maurer. Aber im Winter hatte er oft nichts zu tun und er "machte deshalb in Fleisch".
Mit dem Rad fuhr er zu den Bauern, schlachtete das Vieh und produzierte Wurst. Alles an einem Tag. Doch das
mit "der Hausschlachte" wurde immer weniger. In den 60er Jahren war es bereits so wenig, dass die Bauern
morgens mit ihrem Vieh zu ihm in die Garage kommen mussten. Und am Abend bekamen sie ihre Wurst. In den
70ern machte der Vater im Haus schließlich eine kleine Ecke frei – das kleine Schlachthaus im Hof sozusagen.
Die Bauern lieferten an, abends waren die Tiere tot und die Wurst frisch. So kam man über die Jahre. "Heute
bekommen wir fünf bis sechs Schweine pro Woche als Hausschlachte geliefert. Jeden Montag, denn da ist
Schlachtetag", sagt Klaus und zeigt auf die großen Haken an der Decke im Kühlraum.
Anfang der 80er Jahre geht Klaus auf Wanderschaft. "Neun Jahre war ich im Land unterwegs. In Königslutter, an
der Küste im Norden, in Helmstedt, in Frankfurt/Main. Überall habe ich eine Menge gelernt, habe gesehen, wie
eine gute Fleischerei laufen sollte", sagt Klaus. Nach Lehrzeit und Meisterprüfung die Ladeneröffnung in Bornum.
Mit seinem Vater ackerte er im Kühlhaus, Mutter verkaufte vorne im Lädchen. ...
Die Lösung klingt langweilig wie Supermarktwerbung: "Es ist unsere Frische", sagt Klaus Meier. Das kann unmöglich das ganze Geheimnis sein, oder?
"Doch, in Braunschweig wird doch gar nicht mehr selbst geschlachtet, es gibt dort auch schon lange keinen
Schlachthof mehr. Das Fleisch kommt vom Zentralen Fleischdienst aus Zeven bei Lüneburg", erwidert er. Zentraler
Fleischdienst, denkt sich der Besucher, schon wie das klingt... Wenn die Produkte Braunschweig erreichen, seien
sie mitunter bereits zwei Tage alt. Dann müssten sie noch zerkleinert werden, verpackt, man könne sich ausrechnen, wann sie in der Theke landen...
"Wir kennen unsere Landwirte alle persönlich. Und die Tiere. Was nützt mir ein klappriges Schweinchen, dass nach
nichts schmeckt? Da bestelle ich lieber bei unseren Leuten und warte ein Jahr auf mein dickes 200 Kilo-Schwein", meint der Meier.
Klar sei es bei ihnen ein wenig teurer als bei Aldi, Minimal oder Lidl. Es mache sich zwar bemerkbar, dass die
billigen Supermärkte seit ungefähr einem Jahr frisches Fleisch anbieten dürfen. Doch Qualität entscheide.
Und so stehen die Kunden bei den Meiers im Laden und warten. Warten auf das erlösende "Der Nächste bitte!"
der Verkäuferin. Wie einst DDR-Bürger auf ihre Ration Südfrüchte. Und auch die Dialoge scheinen dieselben:
"Aach, es geht heute mal wieder gar nicht voran, nicht wahr, Frau Schulze?"
"Sie sagen es, Frau Müller, Sie sagen es. Warum braucht denn die da so lange an der Kasse?"
"Ich glaub', da vorn hat jemand so viel bestellt, kann ja nächstens mal gleich den Partyservice buchen."
"Naja, aber was bleibt uns übrig? Müssen wir eben warten. Sehen sie mal, Frau Schulze, der junge Mann, der will sich doch nicht etwa vor...?" ...
Samstag, 28.08.2004
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